Navigation und Service

Logo Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt

Sicherheitsforschung ist unverzichtbar für die Feuerwehr der Zukunft

Dirk Aschenbrenner lässt entgegen seines Namens nichts anbrennen. Seit 16 Jahren leitet er die Dortmunder Feuerwehr, ist Präsident der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes e.V. und Vorsitzender des Expertenkreises Sicherheitsforschung des Programms „Forschung für die zivile Sicherheit“ der Bundesregierung. Wir haben mit ihm über Forschungsförderung in der Feuerwehr, Rettungsroboter im Einsatz und drängende Zukunftsthemen gesprochen.

Portraitfoto von Dirk Aschenbrenner.
Dirk Aschenbrenner. © Feuerwehr Dortmund

Herr Aschenbrenner, direkt zum Start die Frage: Wie sind Sie zur Feuerwehr gekommen? 

Aschenbrenner: Ausschlaggebend war ein Buch, welches meine Mutter mir als Kind immer vorgelesen hat: „Wer rief denn bloß die Feuerwehr?“ von James Krüss. Das hat mich so fasziniert, dass ich mit 8 Jahren meinen Mitgliedsantrag für die Jugendfeuerwehr in meiner Heimatstadt Meppen abgegeben hatte. Leider konnte man damals erst mit 12 Jahren Mitglied werden, doch dann wurde das Eintrittsalter heruntergesetzt und ich durfte mit 11 Jahren endlich in die Jugendfeuerwehr eintreten. Mit 16 Jahren bin ich dann in die Einsatzabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Meppen gekommen. Meine Mitgliedschaft hat übrigens auch dazu geführt, dass die erste Frau dort angefangen hat. Das war nämlich meine Schwester, die ein paar Jahre nach mir eingetreten ist. Nach meinem Wehrdienst, Sicherheitstechnik-Studium in Wuppertal und Brandreferendariat in Düsseldorf bin ich schließlich in Dortmund gelandet, wo ich seit 2009 die Feuerwehr Dortmund leite.

Kommen wir zur Gegenwart: Was hat sich in den letzten Jahren im Berufsalltag der Feuerwehr verändert und was sind aktuelle Herausforderungen?

Aschenbrenner: Erstmal ist die Zahl der Einsätze insgesamt deutlich mehr geworden. Wir haben ja die Besonderheit, dass wir keinen Auftrag ablehnen können. Unser System muss immer funktionieren. Und bei steigenden Fallzahlen muss sehr oft nachjustiert werden.

Zudem ist in den letzten Jahrzehnten unser Aufgabenspektrum immer breiter geworden. Ein Beispiel: Als ich bei der Freiwilligen Feuerwehr anfing, gab es Benzinmotoren und Dieselmotoren. Heute gibt es viele verschiedene Antriebsarten von Hybrid und Plug-in bis hin zu reinen Elektrofahrzeugen mit unterschiedlichen Akkumulatoren. Dafür braucht man immer wieder zusätzlich neues Wissen und das ist eine große Herausforderung. Wir müssen dieses Wissen unseren Leuten zur Verfügung stellen und sie trainieren, damit sie alle denkbaren Situationen handhaben können. Dazu kommen weitere Szenarien, wie die Auswirkungen des Klimawandels. Oder die aktuelle Diskussion um die Rolle der Feuerwehr in einem zivilen Verteidigungsfall, was eigentlich ein Szenario ist, das wir in den neunziger Jahren zu den Akten gelegt hatten.

Außerdem fordert uns auch der demografische Wandel heraus, denn eine älterwerdende Gesellschaft bringt zusätzliche Herausforderungen mit sich – sowohl hinsichtlich der eigenen Kräfte als auch der Betroffenen. Wir haben dazu aktuell ja das schöne Forschungsprojekt ADLeR (Anm.: Automatisiertes Detektions-, Melde- und Leitsystem für Rettungskräfte - Rettungskette neu denken), wo wir sehr dezidiert darauf eingehen, was getan werden muss, wenn die Selbstrettungsfähigkeit nachlässt oder nicht mehr da ist. Das gilt natürlich nicht nur für ältere, sondern auch für körperlich oder kognitiv eingeschränkte Menschen. Das ist ein spannendes Beispiel dafür, welche Herausforderungen Demografie mit sich bringt und welche Lösungsoptionen z.B. die Digitalisierung ermöglicht.

Wie wichtig sind Forschungsprogramme wie das Programm „Forschung für die zivile Sicherheit“ für die Feuerwehr?

Aschenbrenner: Absolut wichtig! Feuerwehr ist teilweise noch geprägt von den Grundsätzen „das haben wir schon immer so gemacht und das hat sich bewährt“. Aber wenn man sich die Herausforderungen anschaut, vor denen wir heute schon stehen und die auch noch auf uns zukommen, kann man mit diesen alten Grundsätzen so ein System nicht mehr ordentlich weiterentwickeln. Forschung und Entwicklung sind für die Bereiche der Gefahrenabwehr und des Rettungsdienstes essenziell, insbesondere bei der Versorgung von verletzten Menschen – sowohl in der „normalen“ Gefahrenabwehr als auch im Zivilschutzfall. Wir müssen komplexe Aufgabenstellungen lösen. Und um neue Lösungsansätze zu finden, halte ich Sicherheitsforschung für unverzichtbar für die Feuerwehr der Zukunft. Beispielsweise müssen wir darüber nachdenken, wo uns neue Technologien zukünftig noch besser unterstützen können.

Zum Thema „neue Technologien, die Rettungskräfte unterstützen“ – möchten Sie uns ein bisschen was über Ihre Arbeit beim Deutschen Rettungsrobotik Zentrum erzählen?

Aschenbrenner: Ja, das ist ein superspannendes Thema! Im Deutschen Rettungsrobotik Zentrum in Dortmund, kurz DRZ, stellen wir technologische Entwicklungsbedarfe aus Anwendersicht fest und begleiten die Entwicklungen – beispielsweise für und mit Feuerwehren. Hier arbeiten Anwender, Forschende und Hersteller eng zusammen. Denn wenn es in einem Bereich auf dem Markt keine Lösung gibt, müssen wir in die Forschung gehen und nach einer passenden Lösung suchen. Im DRZ bringen wir daher Demonstratoren in den Einsatz und suchen nach weiteren Möglichkeiten, den Transfer zu beschleunigen und Prototypen zur Anwendungsreife zu bringen.

Wir haben im DRZ einen speziellen Robotik-Leitwagen entwickelt, der hier auf der Feuerwache steht und mit verschieden Robotern bestückt werden kann. Mit dieser robotischen Taskforce waren wir bereits in mehreren Einsätzen.

Ich nenne Ihnen mal drei Beispiele: 2021 waren wir bei der Starkregenkatastrophe in Erftstadt, wo die Erft in eine Kiesgrube übergetreten war und zu großen Unterspülungen und Geländeabbrüchen geführt hat. Dadurch sind Häuser und Straßen in der Grube versunken und für die Einsatzleitung war es wichtig, quasi millimetergenau einen Überblick zu bekommen, wie sich die Situation in Echtzeit verändert. Und da konnten wir mit unserer Drohnentechnologie und der dahinter geschalteten Auswertung der Einsatzleitung regelmäßig Bildmaterial zur Verfügung stellen, so dass die Lage stets aktuell beurteilt werden konnte.

In Essen waren wir bei einem großen Gebäudebrand im Einsatz, der viele Wohneinheiten zerstört hat. Das Gebäude galt durch den Brand als einsturzgefährdet. Um eine Beurteilung vornehmen zu können, ist unser Bodenroboter TIM (Anm.: Teamfähiger, Innovativer Multifunktionsroboter) zum Einsatz gekommen. Die Polizei Nordrhein-Westfalen ist mit ihrem hundeartigen Roboter SPOT für die Beweissicherung vorgegangen. SPOT hat allerdings das Problem, dass er nur laufen und gucken kann. Aber unser TIM kann auch noch mit einem Greifarm Türen öffnen. Und da haben wir dann freundlicherweise der Polizei die Tür geöffnet. So arbeitet man auch in der Robotik zusammen.

Letztes Jahr hat es in Leverkusen einen Brand in einer Chemiefabrik gegeben. Durch eine chemische Reaktion hatte sich ein explosives Gemisch gebildet und man musste das inertisieren (Anm.: Verfahren zum Explosionsschutz, das mit Hilfe von Inertgas die Bildung eines explosionsfähigen Gemisches verhindert). Dafür musste aber ein Ventil geöffnet werden und die Chemiker vor Ort haben uns gesagt, dass bereits kleinste Erschütterungen dazu führen könnten, dass es zur Explosion kommt. Wir konnten da keinen Menschen reinschicken und mussten uns entscheiden: entweder wir schaffen das mit robotischer Unterstützung oder wir müssen gezielt sprengen – was natürlich noch mal zu erheblichen Schäden geführt hätte. Wir haben dann die Robotische Taskforce zum Einsatz gebracht. TIM hat mit seinem Greifarm das Ventil geöffnet und aus einem sicheren Abstand von mehreren hundert Metern konnten die Steuerungstruppen die Situation entschärfen.

Durch diese Beispiele sieht man, welche Intention hinter dem Ansatz des DRZ steckt: Es gibt eine Reihe von Einsatzstellen, wo die Fähigkeiten eines Menschen nicht mehr ausreichen. Oder Einsatzstellen, die für den Menschen einfach viel zu gefährlich sind. Robotische Systeme schließen hier unsere Fähigkeitslücken.

An welchen weiteren, erfolgreichen Projekten hat sich die Feuerwehr Dortmund beteiligt?

Aschenbrenner: Also ein Projekt, was relativ weit auf dem Weg zur Anwendung ist, ist das ebenfalls im Sicherheitsforschungsprogramm geförderte Projekt CELIDON-PRO (Anm.: Praxistransfer von Lokalisierungssystemen zur Unterstützung von Rettungskräften) sowie das vom Land NRW geförderte Telenotarzt-Projekt. Letzteres ging nach seinem Projektabschluss in eine mehrjährige Pilotphase über. Und nun wird es durch das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung in ganz NRW ausgerollt. In Dortmund werden wir im Herbst diesen Jahres mit dem Telenotarzt in den Regelbetrieb gehen. Damit haben wir ein System, das die medizinische Versorgung und unser Rettungsdienstsystem sowohl qualitativ als auch auf der Zeitachse verbessert. Und das am Ende auch Kosten einsparen wird, weil die Notärzte nicht mehr alle Einsätze physisch vor Ort begleiten müssen.

Ansonsten hatten wir schon viele wichtige Projekte mit tollen Ergebnissen, die nach Abschluss der Förderung aber leider im sogenannten „Tal des Todes“ verschwunden sind. Daher müssen die Mechanismen zur Umsetzung von guten Ergebnissen in die Praxis noch deutlich verbessert werden – egal ob es sich um ein neues Produkt handelt, oder „nur“ um einen Handlungsleitfaden. Wichtig ist, dass die Kette „Fähigkeitslücke, Forschungsprojekt, Demonstrator, Pilotbetrieb, Prototyp und dann der breite Einsatz in der Praxis“ funktioniert. Wir arbeiten bei uns in der Feuerwehr Dortmund daher daran, die Umsetzung von der Forschung in die Praxis weiter zu verbessern. Dabei achten wir darauf, dass die Lösungen auch übertragbar sind. Denn es wäre schade, wenn die Ergebnisse nur in Dortmund genutzt werden. Gute Ergebnisse müssen in die breite Anwendung kommen.

Was muss getan werden, damit die Projektergebnisse in Zukunft noch schneller zu den Anwendern in die Praxis kommen? Haben Sie Ideen hierzu?

Aschenbrenner: Meiner Meinung nach muss der Transfer niederschwellig sein, es müssen Standards erarbeitet werden und es muss ein Programm geben, wie die Standards vermittelt werden können. Das alles muss in Forschungsprojekten mitgedacht werden. Denn die Erfahrung zeigt: Wenn kein Projektpartner den konkreten Auftrag hat, auch schon während des laufenden Projektes mit der Verwertung anzufangen, dann verschwinden leider viele gute Lösungen in der Versenkung.

Insbesondere, wenn es sich um komplexere Lösungen handelt, die größere Investitionen benötigen oder wenn es um Pilotbetriebe und die Weiterentwicklung von Prototypen geht, müssen Bund und Länder näher zusammenrücken. Weil am Ende alles, was in den Katastrophenschutz und die Gefahrenabwehr geht, auch hilfreich für die Stärkung des Zivilschutzes ist. So könnte sich der Bund fragen: „Was zählt denn tatsächlich alles zu den Zivilschutz-Aufgaben und wo hätte das Bundesministerium des Innern (BMI) vielleicht ein Interesse an Lösungen aus der Sicherheitsforschung?“ Bestimmte Lösungen, wie z.B. die Robotische Taskforce des DRZ, könnten aus der Förderung in die Verstetigung transferiert werden, weil sie das BMI unterstützen, seine Verpflichtungen im Zivilschutz besser zu erfüllen.

Zuerst muss der Bund also in Vorleistung gehen und die Forschungsarbeit finanzieren. Aber wenn es dann einen Demonstrator gibt, müssen die Bundesländer, die ja für Katastrophenschutz, Brandschutz und Rettungsdienst zuständig sind, anschließend auch sagen: „der Demonstrator ist gut, das wollen wir weiter ausprobieren und nutzen. Wir erhoffen uns Vorteile, deshalb investieren wir.“ Und so kann es dann zu einer Allianz von Bund und Ländern kommen – wie das beim Telenotarzt-Projekt ganz erfolgreich geschehen ist.

Was sind für Sie die brennendsten Zukunftsthemen in den kommenden Jahren? 

Aschenbrenner: Ich sehe den Fokus ganz klar auf dem Menschen. Ich meine dabei Themen wie zum Beispiel Demografischer Wandel oder Fachkräftemangel. Daneben gibt es aktuell einen sehr starken Fokus auf mögliche militärische Auseinandersetzungen. Meiner Meinung nach werden aber die Folgen des Klimawandels noch deutlich größere Auswirkungen haben. 

Ein weiterer Bereich ist die Frage, welche Chancen die Digitalisierung bietet. Wir müssen auf jeden Fall mehr nach neuen digitalen Lösungen schauen und uns fragen, wie wir diese am effizientesten und gleichzeitig krisenfest nutzen können. Und wir müssen uns fragen, welchen Anteil die zivile Sicherheitsforschung auch an der KI-Forschung und Entwicklung haben wird. 

Die Herausforderungen nehmen nicht ab – ganz im Gegenteil. Deshalb freue ich mich, dass aus dem Koalitionsvertrag herauszulesen ist, dass eben nicht nur die militärische Forschung, sondern auch die zivile Sicherheitsforschung eine bedeutende Rolle spielt. Ich finde es auch gut, die strikte Trennung der beiden Bereiche aufzuheben und Ergebnisse wechselseitig auszutauschen, dadurch werden wir effizienter. Beispielsweise ist der Einsatz von Wärmebildkameras in der Feuerwehrarbeit heute ganz normal. Ursprünglich ist das aber eine militärische Entwicklung, auf die wir 30 Jahre warten mussten, bis man sie für uns freigegeben hat. Etwas, das entwickelt wurde, um Menschen aufzufinden und sie dann zu töten, wird nun genutzt, um Menschen zu retten.

Ein weiteres, wichtiges Thema: Die Dortmunder Feuerwehr hat rund 55 Liegenschaften, also Rettungswachen und Gebäude der Freiwilligen und Berufsfeuerwehr. Wir haben hier einen Sanierungs- und Erweiterungsbedarf von etwa einer halben Milliarde Euro. Mein Team und ich müssen immer wieder die Politik davon überzeugen, dass das prioritär zu behandeln ist. Ganz klar, Schulen, Kitas, Sportanlagen, Straßen, Schwimmbäder etc. sind alle wichtig. Und auch ich finde eine holprige Straße ärgerlich. Aber eine fehlende Rettungswache ist im Zweifel tödlich.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Worauf sind Sie beruflich am meisten stolz?

Aschenbrenner: Besonders stolz bin ich auf das Team hier in Dortmund! Feuerwehr ist absolutes Teamwork, da muss man sich aufeinander verlassen können. Wie beispielsweise jetzt gerade. Während wir hier miteinander reden, zeigt meine Einsatzsoftware an, dass 36 Einsätze in Dortmund parallel ablaufen. Meinen Kolleginnen und Kollegen sage ich immer, dass ich nachts nur ruhig schlafen kann, weil ich weiß, dass ich mich auf sie verlassen kann. Wir sind 1.200 Hauptberufliche und 1.000 Ehrenamtliche. Ich bin auch stolz auf mein Forschungsteam, das super erfolgreich ist und das Thema Anwendungsforschung auch gut in Deutschland mitgestaltet hat. Ja, auf all diese Leute kann man einfach nur stolz sein.