3B Ausprägungen der Digitalisierung: Telematisierung

Dienstag, 19. Juni 2018, 17:30 - 19:00 Uhr

Raum: Bischkek

    

Zusammenfassung

Prozesse der Telematisierung ermöglichen nicht nur die Übertragung von Daten, Bildern oder Informationen, sondern auch ein multiples Interaktions- und Beziehungsmanagement über die Distanz. Die Session „Ausprägungen der Digitalisierung: Telematisierung“ stellte neue Anforderungen an Information, Einsatz und Entscheidung im Bereich der Tele-Medizin vor. Im Fokus stand dabei die Frage, inwiefern sich durch die Nutzung digitaler Infrastrukturen das Verhältnis von Zeit und Raum sowie von Nähe und Distanz im Rettungsdienst verändert.

Dr. Andrea zur Nieden und Nils Ellebrecht präsentierten zu diesem Thema Ergebnisse ethnographischer Feldforschung aus dem inzwischen abgeschlossenen, interdisziplinären BMBF-Verbundprojekt „AUDIME - Audiovisuelle medizinische Informationstechnik bei komplexen Einsatzlagen“. Das Projekt beschäftigte sich mit der Frage, in welcher Weise sich soziale Beziehungen im Rettungsdienst durch den Einsatz von Telemedizin reorganisieren, versachlichen und formalisieren. Konkret wurden die technischen Unterstützungsmöglichkeiten von Rettungsassistenten durch Datenbrillen untersucht, mit denen diese sich von einem Unfallort aus mit einem Notarzt vernetzen konnten. Vice versa ermöglichte die Datenbrille es dem Notarzt, aus der Ferne auf Daten des Patienten zuzugreifen. Rettungsassistenten konnten den Tele-Notarzt beispielsweise kontaktieren, wenn Schmerzmittel vergeben werden sollten, die diese allein nicht vergeben dürfen. Diese Form der sozio-technischen Vernetzung kann einerseits mit dem Vorteil verbunden sein, dass Störfaktoren vor Ort vom Arzt nicht mehr ausgeblendet werden müssen und dieser sich rein auf den Körper des Patienten konzentrieren kann. Andererseits kann die Zwischenschaltung des Rettungsassistenten als Mittler wieder zu neuen Kontingenzen führen. Die direkte Interaktion mit dem Patienten wird durch die nur graduelle Präsenz des Arztes mediatisiert und somit potentiell erschwert; dem Rettungsassistenten kommt hingegen eine neue Schlüsselrolle zu. Im Rahmen tele-medizinischer Innovationen sind also auch Kompetenzverschiebungen zu bedenken.

In der anschließenden Diskussion ging es zunächst um die Frage der Akzeptanz des getesteten Systems durch Rettungsorganisationen. Im Projekt hatte sich gezeigt, dass die Akzeptanz mitunter von Faktoren der Organisationskultur und von der jeweils individuellen Erfahrung der beteiligten Rettungsassistenten abhängig war. Als wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Implementierung tele-medizinischer Systeme sind einführende Schulungen zu erachten. Zudem ist zu berücksichtigen, dass es sich bei der im Projekt AUDIME getesteten Datenbrille lediglich um einen Demonstrator handelte, der inzwischen weiterentwickelt wurde. Schließlich wurden die formalrechtlichen Voraussetzungen tele-medizinischer Einsätze diskutiert.

Die Session war Teil der Programmsäule „Ausprägungen der Digitalisierung“, die sich in zwei weiteren Sessionen mit Metrisierung (Session 1B) und Autonomisierung (Session 2B) beschäftigte.

   

Moderation:

Prof. Dr. Natascha Adamowsky (Universität Siegen)

Vortragende:

Prof. Dr. Valentin Rauer (Universität Istanbul) – Die Algorithmisierung sozialer Interaktionen: face-off-face Situationen und das Problem der Verantwortungsdiffusion

Dr. Andrea zur Nieden (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg) und Nils Ellebrecht (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg) – Telemedizin im Rettungsdienst. Vernetzte Rettung und ihre Folgen

Anschließend Diskussion

   

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