KOMPASS: Kompetenz und Organisation für den Massenanfall von Patienten in der Seeschifffahrt

Die Kreuzfahrtbranche ist ein Wachstumsmarkt. Deshalb werden immer größere Schiffe gebaut, die Tausenden von Passagieren Platz bieten. Allerdings erschwert die große Anzahl der Passagiere im Havariefall die Evakuierung und beim Ausbruch von Infektionskrankheiten die Versorgung der Patienten an Bord. Die Verbundpartner im Projekt KOMPASS erarbeiteten deshalb ein modular aufgebautes Konzept für Notfallmaßnahmen auf großen Passagierschiffen. Das Projekt wurde in enger Zusammenarbeit mit Betreibern von Kreuzfahrtschiffen, Hafenämtern sowie Rettungsorganisationen durchgeführt. Die Ergebnisse wurden allen relevanten Akteuren als Handlungsempfehlungen sowie Schulungsangeboten zur Verfügung gestellt.

Kreuzfahrtschiff am Anleger

VDI Technologiezentrum GmbH/Reichel

Unfälle auf See, wie zum Beispiel der Brand auf der Fähre Lisco Gloria oder die Havarie der Costa Concordia vor der Insel Giglio haben gezeigt, dass Menschen auf Schiffen in großer Zahl verletzt werden können. Auch die Verbreitung von Krankheitserregern kann auf Fähr- und Kreuzfahrtschiffen schnell zu einer großen Anzahl von Infektionsfällen führen. Für einen Massenanfall von Verletzten bzw. Patienten ist die an Bord zur Verfügung stehende Ausrüstung jedoch nicht ausgelegt und die Schiffsbesatzung stößt schnell an ihre Grenzen.

Während es für vergleichbare komplexe Schadenslagen an Land inzwischen erprobte Einsatzkonzepte gibt, ist dies für den See- und Hafenbereich bisher noch nicht ausreichend der Fall. Einsatzübungen haben gezeigt, dass schon die Versorgung von über zwanzig Verletzten mit den derzeitigen Mitteln eine große Herausforderung darstellen kann, da auf See besondere Bedingungen zu beachten sind.

Zum Beispiel können professionelle Helfer, wie etwa Notärzte, je nach Seegebiet und Wetterlage, unter Umständen nur mit großer Verspätung und in begrenzter Zahl an Bord gebracht werden. Dazu kommt: An Land einfach herbeizuschaffende grundlegende Hilfsmittel, wie zum Beispiel elektrischer Strom oder sauberes Wasser, stehen unter Umständen nicht zur Verfügung. Der auf einem Schiff eingeschränkte Platz wird durch eine Havarie, das heißt eine Schräglage oder Verrauchung, möglicherweise noch weiter begrenzt. Auch der Vorrat an Medikamenten und medizinischen Hilfsmitteln an Bord des Schiffes ist limitiert. Zudem ist es auf See nicht ohne Weiteres möglich, Patienten schnell, bzw. überhaupt in Krankenhäuser an Land abzutransportieren.

Die Crew eines Schiffes ist bei einem Massenanfall von Verletzten (MANV) oft viele Stunden auf sich allein gestellt und steht unter anderem vor der Herausforderung, die Verletzten an Bord zu finden, einen Behandlungsplatz aufzubauen, eine erste Sichtung der Patienten vorzunehmen und Erstversorgung zu leisten.

Das Forschungsprojekt KOMPASS, das durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde, hat sich mit dieser Thematik intensiv beschäftigt. Projektpartner im Konsortium waren das Institut für Sicherheitstechnik/Schiffssicherheit e.V. in Rostock, die Universitätsmedizin Greifswald, das Unfallkrankenhaus Berlin, die mainis IT-Service GmbH, die Corpuls Elektromedizinische Geräte G. Stemple GmbH sowie das Institut für Soziologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Die Partner haben in den vergangenen zweieinhalb Jahren verschiedene technische und organisatorische Hilfsmittel erarbeitet, um Schiffsbesatzungen bei der Bewältigung komplexer Schadenslagen in Zukunft besser unterstützen zu können.

Dazu gehören Maßnahmekarten, die mögliche Erstmaßnahmen zur Bewältigung eines Massenanfalls von Verletzten auf See vorschlagen, zum Beispiel für den Aufbau eines Behandlungsplatzes. Des Weiteren ist ein tabletbasiertes Software-System entwickelt worden, das den Vorgang der Sichtung unterstützt und dafür Hinweise gibt, welche Patienten wie transportiert werden müssen. Manche Betroffene müssen zum Beispiel liegend getragen, andere müssen mit Sauerstoff versorgt werden. Dadurch können die Patienten herannahenden Hubschraubern oder Schiffen, wie zum Beispiel einem Rettungshubschrauber oder einem Seenotkreuzer, besser zugewiesen werden. Zur weiteren Unterstützung wurde ein Defibrillator in Kombination mit einer telemedizinischen Versorgung vorbereitet, mit der eine fachgerechte Anleitung von Land aus möglich wird. Ergänzend wurde ein System zur parallelen Sauerstoffversorgung von bis zu acht Patienten (zum Beispiel nach einer Rauchgasvergiftung) entwickelt.

Die Ergebnisse von KOMPASS sind in einer Großübung am 25. September 2017 interessierten Endanwendern vorgestellt worden. Das Übungsszenario sah vor, dass nach einem Brand auf hoher See ca. 40 Personen verletzt worden waren. Hilfe konnte so erst nach einigen Stunden eintreffen. Die betroffenen „Passagiere“ wurden von Statisten gespielt, nach bestimmten Verletzungsmustern geschminkt und auf einem Schiff verteilt. Die Crew, die durch Seeleute verschiedener Reedereien dargestellt wurde, hatte die realistische Aufgabe, diese Situation ca. zwei Stunden lang mit den im Projekt entwickelten Hilfsmitteln zu bewältigen bis eine Übergabe an eintreffende Notärzte erfolgen konnte. Die Auswertung wird zeigen, wie gut die neu entwickelten Projektergebnisse für den Einsatz in der Praxis nutzbar sind und wo sie noch verbessert werden können. Gleichzeitig bot die Übung dem seemännischen Personal auch die Möglichkeit, die Bewältigung eines solchen Vorfalls auf See durchzuspielen, gedanklich vorzudenken und gegebenenfalls entsprechende Vorkehrungen an Bord zu treffen, um in einem Ernstfall noch besser vorbereitet zu sein.

Das Projekt wurde in enger Zusammenarbeit mit Reedereien, Hafenämtern sowie Rettungs- und Einsatzorganisationen durchgeführt. Die fertigen Ergebnisse sollen zeitnah umgesetzt, bzw. allen relevanten Akteuren in Form von Handlungsempfehlungen sowie Schulungsangeboten zur Verfügung gestellt werden.

Weitere Informationen zum Verbundprojekt

Förderkennzeichen  13N13255 bis 13N13260

Projektlaufzeit 12/2014 - 11/2017

Projektumriss KOMPASS (pdf-Datei)